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Die Köpfe glühen

Öffentlicher Dienst

Die Köpfe glühen

Scheitern nicht ausgeschlossen

Es ist 11 Uhr 11, und die Streikenden der ver.di Jugend vor dem Kongresshotel in Potsdam sind in Karnevalsstimmung. Der Verhandlungsführer der Tarifgemeinschaft der Länder, der Berliner Finanzsenator Matthias Kollatz, SPD, eilt auf den Hoteleingang zu, die Jugendlichen lassen goldenes Konfetti regnen und rufen lautstark „Helau, helau, helau“. Und: „Streik in der Klinik, Streik in der Fabrik, das ist unsere Antwort auf eure Politik!“ In der zurückliegenden Woche haben sich so viele Beschäftigte an den bundesweiten Warnstreiks beteiligt, wie schon lange nicht mehr in einer Tarifrunde im öffentlichen Dienst der Länder. 40.000 Beschäftigte haben ihre Arbeitsplätze verlassen und mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen gefordert.

Und jetzt sind vor Beginn der dritten Verhandlungsrunde noch einmal 200 Auszubildende aus Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen und 100 Beschäftigte aus dem Sozial- und Erziehungsdienst aus Hamburg angereist, um die bisher festgefahrenen Verhandlungen zu befeuern. Denn der Ausgangspunkt ist wie auch schon vor den beiden ersten Runden der gleiche: Die Tarifgemeinschaft der Länder hat kein Angebot gemacht, ver.di fordert 6 Prozent mehr Geld, mindestens aber eine Erhöhung der Entgelte von 200 Euro sowie 300 Euro zusätzlich für die Pflegebeschäftigten.

Montag Köln, Dienstag Düsseldorf, Mittwoch Berlin, heute Potsdam

Vor allem die Pflegekräfte stehen unter enormem Druck. Erik Busse, 23 Jahre, ausgebildeter Krankenpfleger, vom Uniklinikum Düsseldorf streikt inzwischen den vierten Tag. Dafür hat er sich sogar frei genommen, denn mehr als zwei Tage warnstreiken dürfen auch die Auszubildenden nicht. Montag war er in Köln dabei, Dienstag in Düsseldorf, Mittwoch in Berlin und heute ist er mit nach Potsdam gekommen. Nach vier Tagen Streik und Stunden am Megafon glüht sein Kopf, die Stimme ist heiser und droht schon, zu versagen. Er erzählt von einer Kollegin, die sich bereits zwei Monate nach ihrer Ausbildung allein in einer Nachtschicht auf einer Station mit 32 Patient*innen befand. „Darunter war auch ein frisch Operierter. Als sie sich ihm zuwenden konnte, war er schon zwei Stunden tot. So viel hatte sie vorher mit anderen Patienten zu tun.“

Der Personalmangel ist in der Pflege das größte Problem. Die Bezahlung ein Hindernis. „Wir haben 200 offene Stellen, aber seitens des Arbeitgebers besteht kein Interesse, die Ausbildung aufzuwerten“, sagt Erik. In die Medizin werde investiert, in die OP-Ausstattungen, aber nicht in die Pflege, weil mit der kein Geld zu verdienen sei. „Nach ein, zwei Jahren orientieren sich viele Pflegekräfte beruflich anders.“ Für die, die bleiben, steigen die Belastungen und die Gefahr, Fehler zu machen. „Ich stehe immer mit einem Bein im Gefängnis.“ Die anderen jungen Pflegekräfte, die um ihn herum stehen, nicken nur. Aber hier können sie sich von der täglichen Last frei machen, ausgelassen sein und ihre Forderungen in Sprechchören in die vielen Fernsehkameras brüllen.

„Echt positiv überrascht“

Zwei Kostümschneiderinnen vom Bühnenservice der Berliner Opern im zweiten Ausbildungsjahr sind in Potsdam vor allem dabei, weil sie übernommen werden wollen. Deshalb möchten sie auch mit ihren Namen nicht öffentlich genannt werden. Die Übernahme nach der Ausbildung ist für alle Auszubildenden hier ebenso wichtig wie mehr Geld. Für die beiden Schneiderinnen ist sie umso wichtiger, weil die Arbeitsplätze in ihrem Bereich begrenzt sind. Eine von ihnen ist noch kein ver.di-Mitglied. „Ich bin sehr überrascht von der Stimmung hier, dem Gemeinschaftsgefühl. Ich hatte keine Vorstellungen, wie es bei einem Streik ist, ich bin echt positiv überrascht.“

Ob es heute noch eine Überraschung bei den Verhandlungen geben wird, ist offen. Als Frank Bsirske, der ver.di-Vorsitzende und Verhandlungsführer der Beschäftigten, kommt, geht er direkt auf die ihn gröhlend begrüßenden Jugendlichen zu. „Euch hier zu haben, ist wirklich große Klasse. Ihr habt verstanden, dass es um euch geht“, sagt er. Und: „Ihr macht deutlich, dass mit euch zu rechnen ist, auch in Zukunft.“ Möglicherweise wird ihr Einsatz tatsächlich schon in der nahen Zukunft nötig sein. Bevor die Verhandlungen beginnen, sagt Bsirske vor den Pressevertretern noch: „Ich bin mir nicht sicher, dass es in den kommenden Stunden, Tagen ein Angebot geben wird. Ob es ausreichend sein wird, bleibt abzuwarten.“ Ein Scheitern – er will es nicht ausschließen.

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